Fledermausaktivitäten


Der Harthäuser Wald ist ein artenreiches, sensibles Ökosystem. Hier leben sicher nachgewiesen 16 der 25 in Deutschland vorkommenden Fledermausarten, 2 weitere werden vermutet. Es ist bekannt, dass Fledermäuse an Windkraftanlagen ums Leben kommen können. Sie sind nicht in der Lage, die Rotorbewegung von schräg oben mit ihrem Echoortungssystem wahrzunehmen. Aufgrund ihres neugierigen Wesens untersuchen sie die Gondeln nach Quartiermöglichkeiten, insbesondere im Frühjahr auf der Suche nach Wochenstubenquartieren und im Spätsommer auf der Suche nach geeigneten Paarungsquartieren. Sie halten die Anlagen für große, abgestorbene Bäume.
Einige Fledermausarten ziehen ähnlich den Zugvögeln mehrere hundert Kilometer weit. Dabei fliegen sie hoch über den Bäumen und kollidieren hier mit den für sie unerwarteten Windrädern.
Deshalb orientierte man sich bei der Genehmigung der Windkraftanlagen im Harthäuser Wald an einem festgelegten Algorithmus, nach dem die Anlagen von April bis August 1 Stunde vor Sonnentergang bis zum Sonnenaufgang abschalten müssen, im September und Oktober bereits 3 Stunden vor Sonnenuntergang. Man glaubt, dass Fledermäuse bei Temperaturen unter 10 °C und Windgeschwindigkeiten über 6 m/s nicht aktiv seien, und deshalb ist der Betrieb unter diesen Bedingungen gestattet.
Allerdings fiel sehr früh auf, dass sich die Fledermausaktivitäten hier nicht mit den Voraussagen decken. Bereits während wir die Amphibien am Seehaus einsammelten, flogen Fledermäuse bei Temperaturen unter 10 °C. Und auch während des Betriebs der Anlagen (wenn man lt. Algorithmus eigentlich keine Fledermäuse erwarten dürfte), waren Fledermäuse zu sehen – zumindest bis zum Einbruch der Dunkelheit.
Damit war aber unser Interesse geweckt: bei welchen Bedingungen sind die Fledermausaktivitäten eher hoch, und wann eher niedrig?
Um eine aussagekräftige Erhebung machen zu können, müsste man verschiedene Parameter (mindestens Temperatur und Windgeschwindigkeit) in unterschiedlichen Höhen und die jeweiligen Fledermausaktivitäten messen und in Beziehung setzen.
Da uns dazu die Möglichkeit fehlt und wir auch keinen Einblick in die an den Gondeln erhobenen Parameter erhalten, können hier nur Beobachtungen und Eindrücke wiedergegeben werden.
Man weiß inzwischen, dass Fledermäuse weit höher fliegen als bisher angenommen, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass hohe Fledermausaktivitäten „am Boden“ ein hohes Kollisionsrisiko bedeuten könnten, da dann auch eine größere Anzahl an Tieren in Rotornähe angenommen werden kann.
Zudem fiel in den vergangenen 3 Monaten seit 1. April auf, dass fast keine Nacht verging, an der nicht eine oder mehrere (häufig sogar alle) Anlagen in Betrieb waren. Das lässt nur zwei Schlüsse zu: entweder kommt es hier tatsächlich häufig zu Windgeschwindigkeiten über 6 m/s (obwohl man das in diesem windschwachen
Gebiet nicht erwarten dürfte). Das ließe befürchten, dass sich die Fledermäuse adaptiert haben und auch bei diesen Windaufkommen aktiv sind. Beim Fledermausseminar im Juli sagte einer der Teilnehmer, (ein Biologe, der Gutachten erstellt), wörtlich zu mir: „die Fledermäuse im Norden sind härter im Nehmen als eure – die fliegen auch bei 12 m/s“!
Oder es kommt doch immer wieder zu fehlerhaftem Betrieb der Anlagen. Beides wäre verheerend. Bereits jetzt ist anzunehmen, dass die Verluste sehr hoch, vielleicht sogar erheblich, sind.
Obwohl die zunächst unbemerkt gebliebenen „Einstellungsschwierigkeiten“ Anfang April, sowie der unkontrollierte Betrieb über 2 Wochen infolge des Blitzschlags Anfang Juni behoben sein sollen, werden trotz der Versuche, uns mittels Verbotsschildern und Überwachungskameras an der Suche zu hindern, immer wieder weitere Schlagopfer gefunden. Die ZEAG selbst leistet sich zwei Mal täglich die Absuche der Schotterfläche – ein teures Unterfangen, dafür, dass angeblich alles bestens ist und gar keine Schlagopfer anfallen!

        

       

 

  
Am 16. Februar 2012 trafen sich in Frankfurt 50 Fledermausexperten und Fachgutachter um sich mit dem Thema Auswirkungen der Windkraft auf Fledermäuse auseinanderzusetzen und um „ein weiteres Vorgehen zum Schutz dieser von Windkraft massiv betroffenen Tiergruppe zu besprechen und sich entsprechend zu positionieren“. Sie fordern eine komplette Nachtabschaltung im ersten Betriebsjahr der Anlagen zw. April und Oktober, um für jede Anlage einen spezifischen, die tatsächlichen Fledermausaktivitäten abbildenden Algorithmus zu erstellen. Der im Harthäuser Wald angewendete Algorithmus wurde an kleineren im Offenland betriebenen Anlagen erstellt und ist nicht ohne weiteres auf ein Mischwaldgebiet übertragbar. Eine eigene Erhebung nach der Expertenforderung wäre unabdingbar gewesen.
Am 22.08.2016 veröffentlichte Spiegel online den Artikel: „Fledermaussterben – Tod im Windrad“. Hier heißt es unter anderem:
"Getötete Fledermäuse fehlen in einer Population schmerzlich, denn die Tiere vermehren sich nur sehr langsam", betont Voigt. Außerdem seien sie nützlich. Neben Mücken vertilgen sie auch massenweise Käfer und Raupen an Nutzpflanzen. "Sie vollbringen damit eine enorme Ökosystemdienstleistung, die Landwirte sehr schätzen sollten."
„In Deutschland kommen laut Bundesverband für Fledermauskunde etwa 25 von weltweit knapp 1400 bekannten Fledermausarten vor, die hierzulande alle streng geschützt sind. Der Bestand von 18 von ihnen ist nach Angaben von Experten gefährdet.“
Einen weiteren Ausbau von Windkraft im Harthäuser Wald halten wir für unverantwortlich und würden uns wünschen, dass nicht nur Landwirte, sondern besonders die Genehmigungsbehörden und die Politik die Notwendigkeit des Erhalts von Fledermäusen erkennen würden. Dabei dürfte das gar keine Frage sein: für alle Fledermausarten gilt das Verschlechterungsverbot, dem sich Deutschland durch Teilhabe am Euro Bats Abkommen verpflichtet hat.
Von den Fledermausaktivitäten haben wir Aufnahmen erstellt und veröffentlichen einige davon auf einer gesonderten Seite der Homepage. Dazu wurde ein Detektor der Marke „Batscanner“ verwendet, der alle eingehenden Ultraschallfrequenzen automatisch erkennt. Diese wurden per MP3 Player Marke „Olympus“ mitgeschnitten. Dabei ergeben sich bei hohen Aktivitäten einmalige, geradezu orchestrale Klangbilder. Und sie verdeutlichen, was mit „hoher Aktivität“ eigentlich gemeint ist - denn da wir Fledermäuse nachts weder sehen noch hören können, haben die meisten von uns gar keine Vorstellung davon.

Die Aufnahmen kann man sich unter  http://www.schutzgemeinschaft-harthaeuser-wald.de/j/index.php/downloads/category/2-fledermaus-aufnahmen anhören.