Wer weiß, wie ein Urwald aussieht?

Nein, ich meine jetzt nicht den tropischen Regenwald in Südamerika oder in Indonesien, der ja auch in großer Gefahr ist. Ich meine "unseren" mitteleuropäischen Urwald. Was dort in den Tropen gerade fatalerweise vor sich geht, haben wir nämlich schon längst hinter uns - die Ausrottung der heimischen Urwälder.

Hirschkäfer (Quelle: Christian Molls, Wikipedia)
Hirschkäfer (Quelle: Christian Molls, Wikipedia)

Noch zur Zeit der Römer war das Gebiet des heutigen Deutschlands zum größten Teil von Wäldern bedeckt. Inzwischen nehmen sie nur noch etwa ein Drittel der Landesfläche ein. Außerdem sind es reine Wirtschaftswälder, d.h. Wälder, die der menschlichen Nutzung dienen und vom Menschen deshalb stark beeinflusst werden. Es dominieren gleichaltrige Baumbestände, die Artenzusammensetzung unterscheidet sich von der, die natürlicherweise vorkäme (so nimmt die Fichte, die eigentlich nur mit 3% auf begrenzten Felsstandorten vorkommen würde, 28% des gesamten Waldes ein, Nadelbäume insgesamt über 50%), und es gibt kaum alte Bäume über 120 Jahre.

In einem Urwald sieht das ganz anders aus: Die Bäume stehen dort bis an die Grenze ihres natürlichen Lebens, bis sie allmählich absterben und schließlich umstürzen. Die Begriffe "krank" und "gesund" haben hier genauso wenig Bedeutung wie die Begriffe "Tod" und "Leben". Ein absterbender Baum beherbergt eine immense Fülle von Leben: Höhlenbewohner wie Schwarzspecht, Siebenschläfer und Fledermäuse, von Mulm und totem Holz lebende Käfer, seltene Pilzarten... bis er schließlich zu fruchtbarer, duftender Walderde wird, auf der neue Bäume heranwachsen können.

Unsere Urwälder können wir nicht wieder herbeizaubern. Aber wir können versuchen, einen ihnen möglichst nahe kommenden Ersatz zu schaffen: Naturwälder, die der Natur überlassen werden, in die der Mensch nicht mehr eingreift. So können sich allmählich wieder natürliche Strukturen herausbilden, und es entstehen in unseren industrialisierten und leergeräumten Landschaften Reservate für Arten, die bereits bedroht oder gar am Rande des Aussterbens sind.

Schwarzspecht (Quelle: Steffen Hannert, Wikipedia)
Schwarzspecht (Quelle: Steffen Hannert, Wikipedia)

In Baden-Württemberg bezeichnet man diese Flächen als "Bannwälder", in anderen Bundesländern spricht man von "Naturwaldreservaten". In Mecklenburg-Vorpommern gibt es beispielsweise bereits sehr alte Bannwälder, die einem Urwald schon recht nahe kommen (Serrahner Urwälder bei Neustrelitz).

In der "Nationalen Biodiversitätsstrategie" der Bundesregierung wurde das Ziel gesteckt, bis zum Jahr 2020 5% der Waldfläche einer natürlichen Entwicklung zu überlassen. Von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt: Bisher sind es nur ca. 1%.

Und da man ja immer vor der eigenen Haustür anfangen sollte: Warum nicht ein Bannwald im Harthäuser Wald?

Das spricht dafür:

  • Schutz der Artenvielfalt, Lebensraum für zahlreiche Tierarten

  • Erhalt von Altbeständen

  • positiver Klimaeffekt (je naturbelassener ein Wald, desto mehr CO2 kann er binden, auch in seinen Böden)

  • Erhalt eines möglichst großen "Genpools", d.h. einer größtmöglichen genetischen Vielfalt besonders der Buche, der der Baumart ermöglicht, auch einen Klimawandel zu überstehen

  • wichtiger Ort für die Forschung

  • Bannwälder sind Totalreservate, d.h. sie sind vor Eingriffen geschützt

  • Unsere Kinder sollen noch einen "wilden Wald" erleben dürfen!

  • Und nicht zuletzt: Unsere Seele braucht "Wildnis", um nicht zu verkümmern...

Aus diesen Gründen setzen wir uns für die Ausweisung einer größeren Bannwaldfläche (ca. 1 km²) im Harthäuser Wald ein.

Dies wäre auch eine gute Möglichkeit, wenigstens einen gewissen ökologischen Ausgleich zu schaffen für die Windräder, die genehmigt werden. Sicher wesentlich sinnvoller als die vom Büro Beck vorgeschlagene Pflege (d.h. Freischlagen und -halten) von Hanggrundstücken auf ehemaligen Weinbergflächen. Und wir können damit Flächen retten, bevor sie immer neuen Begehrlichkeiten von Politikern und Wirtschaftsunternehmen zum Opfer fallen.