von Annette Schwarz von Specht

5.7.2014, Protokoll zum Ausflug in die Eifel zu Förster Peter Wohlleben

(Alle fachlichen Aussagen stammen von Herrn Wohlleben; ich habe versucht, möglichst ausführlich mitzuschreiben.)

Die Gemeinde Hümmel hat eine eigene Forstverwaltung. Die Kommunen sind hier unabhängig.

Es wurden für den Forst Naturschutzstandards angewandt, die diejenigen von Nationalparks übertreffen. 15% der Waldflächen wurden zum Waldreservat erklärt (alte Laubwälder).

Die Gemeinde Hümmel hat auch keine Flächen für WEA ausgewiesen. Im Umkreis von 30 km2 werden keine WEA gebaut.

Uns wurde ein 140jähriger Eichenbestand gezeigt, der vor 20 Jahren als Totalreservat aus der Nutzung genommen wurde. In ihm befindet sich ca. 40-50 m3 Totholz/ha. Zum Vergleich: Offiziell sollten in Wäldern 16 m3 Totholz/ha verbleiben, inoffiziell sind es jedoch in der Regel nur 2 m3/ha (da auch Kleinholz wie Zweige etc. mit hineingerechnet wird, das aber nicht den ökologischen Wert von großen, möglichst noch stehenden Totholzstämmen hat). In Urwäldern findet man ca. 200 m3/ha.

Da es in unserem Klima keine natürlichen reinen Eichenwälder gibt, entwickelt sich auch dieser Wald allmählich zu einem Buchenwald.

(Anm. z. Eichenprozessionsspinner: Dieses Problem ist menschengemacht. Der Eichenprozessionsspinner geht nur an besonnte Eichen.)

Pro Hektar sollten (nach BAT oder ähnlichen Vorgaben) 5-10 Bäume als künftiges stehendes Totholz (auch "Habitatbäume" oder "Ewigkeitsbäume" genannt) verbleiben. Sie werden schon zu Lebzeiten ausgesucht. Da jedoch zu stehendem Totholz ein bestimmter Abstand für die Bewirtschaftung vorgeschrieben ist (aus Sicherheitsgründen), werden sie nach ihrem Absterben häufig doch gefällt, dafür wird ein neuer Baum als künftiger "Totholzbaum" (oder Habitatbaum) ausgesucht.

(Anm. z. Nationalparks: Gerne werden Fichtenbestände als Nationalpark ausgewiesen, da diese vorher noch "geerntet" werden dürfen.)

Die Fichte ist in Deutschland nur auf wenigen Standorten natürlich, vor allem im Gebirge kurz vor der Baumgrenze. Deutschland ist zu 80% ein Lauburwaldgebiet (auch der Schwarzwald!). Inzwischen bestehen unsere Wälder jedoch zu fast 2/3 aus Nadelwald. Die ursprüngliche Heimat der Nadelbäume ist Skandinavien und die russische Taiga. Dort wachsen die Nadelbäume wegen des kalten Klimas mit langen Wintern sehr langsam. Sie sind darauf eingerichtet, bei Erwärmung sofort mit der Holzproduktion anzufangen, um die kurze Vegetationsperiode ausnutzen zu können. In unserem Klima wachsen sie deshalb sehr schnell und werden auch viel größer als in ihrer nördlichen Heimat. Ab einer Höhe von 25 m sind sie aber nicht mehr stabil und werden sehr leicht vom Wind umgedrückt.

(Anm.: Die bei uns geschützte Rote Waldameise ist ebenfalls nicht bei uns heimisch, sondern ein Kulturfolger.)

Die letzten großflächigen Buchenurwälder der Erde befinden sich im Nordiran.

Bodenverdichtung:

Einmal verdichtete Waldböden können sich nicht mehr regenerieren; sie bleiben dauerhaft gestört. Heute noch lassen sich verdichtete Fahrspuren aus der Römerzeit feststellen. Durch den Einsatz immer schwererer Maschinen wird immer mehr Waldboden schwer geschädigt. Die Wirkbreite der Rückegassen reicht noch 1-2 m über ihre Breite hinaus.

Häufig ist von "Flachwurzlern" und "Tiefwurzlern" die Rede. Das trifft nicht zu, es gibt in Wirklichkeit keine Flachwurzler bei den Bäumen. Flache Wurzelteller werden nur auf gestörten Standorten ausgebildet.

Waldsterben:

In den 70er Jahren war der Säureeintrag durch Schwefelverbindungen in der Luft ein großes Problem, das zu Waldschäden führte. Heute gibt es kaum noch Säureeintrag. Trotzdem findet man immer wieder Kronenschäden (bei der Buche sichtbar an kahlen Zweigen im Wipfelbereich, gefolgt von Kronenverkleinerung). Diese können in Einzelfällen durch Grundwasserabsenkung verursacht werden; häufig sind sie jedoch eher forstwirtschaftlich verursacht. Bei Durchforstungsmaßnahmen wird das komplexe Sozialsystem der Baumbestände vor allem in Form von Wurzelverbindungen ge- bzw. zerstört. Den verbleibenden Bäumen geht es nicht besser (durch weniger "Konkurrenz"), sondern schlechter.

"Mutter-Kind-Beziehungen" bei Buchen:

Junge Buchen, die unter Altbäumen aufwachsen, empfangen nur ca. 3% des Lichtes. Deshalb wachsen sie zunächst nur sehr langsam. Sie bekommen aber über die Wurzeln so viel Zuckerlösung von den Altbäumen, wie sie zum Überleben brauchen. Das langsame Wachstum führt zu einem sehr dichten, zähen, elastischen Holz. Der Baum ist später viel weniger anfällig sowohl für Krankheiten als auch für Sturmschäden. Sobald der Altbaum abstirbt, kann das kleine (1,5-2 m hohe) Bäumchen (das durchaus schon 100 Jahre alt sein kann!) das Licht ausnutzen und in die Höhe und Breite wachsen. Es war für uns sehr eindrucksvoll, so einen 80-100jährigen "Zwerg" neben seiner riesigen 200jährigen Mutterbuche zu sehen.

Bei einer gewünschten Umwandlung von Fichtenwald in Buchenwald sollte kein Kahlschlag vorgenommen werden, sondern die Altfichten als "Ersatzeltern" genutzt werden.

Durch die laufende Auslese im Forst (Herausnehmen von Bäumen mit unerwünschten Eigenschaften) wird der Genpool der Buche stark reduziert. (Der für die forstwirtschaftliche Nutzung unerwünschte Drehwuchs ist eigentlich kein negatives Merkmal, da er ein elastisches Federn des Stammes ermöglicht. Wird er ausgemerzt, gibt es dadurch mehr Sturmschäden.) Das ist auf lange Sicht sehr negativ, da ein großer Genpool die enorme Anpassungsfähigkeit der Buche auch z.B. an Klimawandel ermöglicht. (Die Buche toleriert Temperaturerhöhungen im langjährigen Mittel von bis zu 5°C!)

Deshalb ist es sehr wichtig, zwischen den forstwirtschaftlich genutzten Beständen immer wieder kleine Totalreservate einzustreuen, um den Genpool zu erhalten.

Bäume können auch lernen: Nach trockenen Sommern gehen z.B. Buchen anders mit dem Wasser um; sie sind in der Lage, das vorhandene Wasser effizienter zu nutzen.

Bei starker Hitze kann es im Buchenwald bis zu 10°C kühler sein als außerhalb!

Das Wurzelwerk von Bäumen kann wahrscheinlich sogar als Informationsspeicher dienen. Manchmal findet man im Wald Reste sehr alter Baumstümpfe, die immer noch lebendiges Holz besitzen, weil sie von den umliegenden Bäumen am Leben erhalten werden.

Auch Bäume können einen individuellen "Charakter" haben. Herr Wohlleben zeigte uns eine "Dickkopf-Buche", die jedes Jahr aus den alten Aststümpfen am Stamm neue Äste austreibt, die dann später wieder absterben. Normalerweise wachsen Buchen eher relativ glatt in die Höhe, alte Aststümpfe werden überwallt und treiben nicht wieder aus. Aber offensichtlich gibt es (wie unter Menschen) auch solche, die gerne mit dem Kopf durch die Wand gehen wollen.... ;-)

Holz als Brennstoff ist in der CO2-Bilanz nicht so günstig wie oft behauptet, es liegt etwa zwischen Öl und Gas.

In natürlichen Wäldern wird bei Verrottung der abgestorbenen Bäume das CO2 nur teilweise wieder freigesetzt, die Hälfte wird im Waldboden gespeichert. Ein intakter, ungestörter Waldboden ist der beste CO2-Speicher. (Studie "Carbo Europe")

Wir besichtigten auch den "Ruheforst Hümmel", einen sehr schönen, sehr alten Buchenbestand. Der Wald stockt hier ununterbrochen seit ca. 4000 Jahren! Früher fand eine Nutzung von Einzelbäumen statt, seit 20 Jahren ist er jedoch komplett aus der Bewirtschaftung genommen; es findet nur noch Verkehrssicherung statt. Durch die Nutzung als Ruheforst ist der Wald für 100 Jahre gesichert.

Heute ist nur 1 ‰ des Waldes in Deutschland noch unbeeinflusst vom Menschen. Die Forstwirtschaft gibt die Fläche von Beständen ≥ 160 Jahre mit 3 ‰ an. Diese Fläche ist jedoch nicht einmal dauerhaft geschützt.

Natürlich gibt es in diesem alten Buchenwald auch Tiere, die auf Baumhöhlen angewiesen sind wie den Schwarzspecht und die Bechsteinfledermaus. Letztere wechseln alle 2-3 Tage die Baumhöhle, um zu starkem Parasitenbefall zu entgehen. Bei der Untersuchung von Bechsteinfledermäusen aus diesem Wald stellte man fest, dass sie völlig parasitenfrei waren. Daraus kann man schließen, dass sie mindestens 50 Baumhöhlen zur Verfügung haben. Hochgerechnet kommt man auf einen Bestand von 150 Baumhöhlen im näheren Umkreis, ein Hinweis auf den ökologischen Wert und den hohen Totholzgehalt des Waldes.

Abschließend stellten wir Herrn Wohlleben noch die Frage, wie man als Bürger auf die Bewirtschaftung des Waldes Einfluss nehmen kann. Er sagte uns Folgendes:

  • Öffentlicher Wald (Staats- und Kommunalwald) gehört der Gemeinschaft, also den Bürgern. Der Förster ist nur Auftragnehmer.
  • Forstwirtschaftspläne werden in öffentlichen Sitzungen verhandelt. Dabei kann man fordern, dass sie in allgemeinverständlicher Form dargestellt werden (was häufig nicht der Fall ist). Man kann sie dann kritisch hinterfragen. Bei Bedarf kann man Eingaben an das Umweltministerium machen.

Als Beispiel nannte Herr Wohlleben eine BI bei Bonn, die im Zuge eines Mediationsverfahrens einen Vertrag mit der Staatsforstverwaltung abgeschlossen hat. (http://www.waldfreunde-koenigsdorf.de/)

Alles in allem eine sehr informative Veranstaltung, die allen Beteiligten viel Stoff zum Nachdenken gegeben hat!

Bilder gibt es hier: http://www.schutzgemeinschaft-harthaeuser-wald.de/j/index.php/bilder/2014-07-05