Was uns der HARTHÄUSER WALD zu sagen hat

Seit vielen Jahrhunderten stehe ich zwischen Jagsttal und Kochertal als ein geschlossener Wald, wie es ihn sonst im Unterland nicht mehr gibt. Mehr als 3/4 meiner Bäume sind Laubbäume wie Buche, Eiche, Ahorn und Esche. Sie passen zu meinem Standort und haben viele Vorgängergenerationen.

Über alle Zeit habe ich den Bürgern, die um mich herum wohnen, Arbeit und Brot gegeben, Schutz gewährt, habe ihnen Bauholz und Brennholz geliefert, Beeren, Pilze, Buchele und Eichel für Mensch und Vieh gespendet und ganz selbstverständlich für guten Boden und gute Luft, sauberes Wasser und ausgeglichenes Klima gesorgt. Und wer immer wollte, konnte beim Durchwandern Erholung und vor allem Ruhe finden.

Dafür haben mir die Menschen die ganze lange Zeit gedankt und mich gehegt und gepflegt. Selbst in Zeiten von Hungersnot haben sie mich nicht angegriffen, um auf meinen guten Böden Getreide oder Kartoffeln anzupflanzen. Als ihr Wald, sollte und musste ich Wald bleiben.

Seit wir jetzt aber im Wohlstand leben, ist das leider nicht mehr so!

Wenn ich meine Umgebung betrachte, sind in den letzten 60 Jahren alle Gemeinden ungewöhnlich gewachsen - in den Tälern und aus den Tälern heraus. Es entstanden große Wohngebiete, riesige Gewerbegebiete und Logistikzentren. Die zuvor kleinräumige und strukturreiche Landschaft wurde in großen Teilen ausgeräumt und landwirtschaftlich intensiviert.

Fast komme ich mir wie der ruhende Pol in diesem rasanten Geschehen vor, allerdings nur fast. Denn die Entwicklung hat auch vor mir nicht Halt gemacht: in meinem westlichen Teil wurde die Autobahn A81 mit allen andauernden Nebenwirkungen durchgezogen und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gebaut. Rund eine Million Quadratmeter meiner Waldfläche gingen dadurch verloren. Für unsere moderne Infrastruktur habe ich damit schon sehr große Opfer erbracht.

Trotzdem soll jetzt aber der Angriff auf mich über die ganze Restfläche gehen!

Für 18 Windräder mit einer Gesamthöhe von jeweils 200m läuft das Genehmigungsverfahren, im landeseigenen Teil von mir sollen noch weitere 8 bis 10 hinzukommen. Die Energiewende, die auch ich begrüße, sollen sie befördern. Dabei höre ich, dass es derzeit ausreichend, ja oft sogar zu viel Strom gibt.

Und selbst wenn man mich mit Windkraftanlagen zupflastern würde, wie es unsere Landesregierung gerne hätte, wird die erzeugbare Strommenge für Haushalte, Gewerbe und Industrie bei weitem nicht ausreichen.

Statt dessen bräuchte man zunächst dringend den Bau von Leitungen für Strom, der z.B. von Norden aus Anlagen über dem Meer kommen könnte und Speicherkapazitäten für windarme Zeiten, die ich jahrein, jahraus hier bei mir besonders spüre.

Noch einmal muss ich, der Harthäuser Wald, nun aber von mir selbst sprechen: Ich bin viel mehr als nur die Summe der Bäume, die in mir stehen. Den Lebensraum, den ich bilde, füllen unzählige Pflanzen und Tiere in großer Reichhaltigkeit und Vielfalt. Neben Moosen, Flechten, Gräsern, Kräutern, Blumen und Sträuchern krabbelt, kriecht, schwimmt, springt und fliegt es über verschiedene Stockwerke. Schon in jedem Kubikmeter Waldboden leben Millionen von Mikroorganismen und Bakterien. Jeder Kubikmeter, der für den Windradbau abgeschoben oder ausgebaggert wird, nimmt ihnen Lebensraum und Leben. Und genau so wird es vielen anderen Tieren gehen, von denen es mehr Arten gibt, als selbst meine Betreuer bisher wussten.

Nur als Beispiel genannte wohnen unter meinem bisher unbeschädigten Dach allein 18 Fledermausarten, unter ihnen einige sehr seltene und hochgefährdete wie die Mopsfledermaus, die große Bartfledermaus und das graue Langohr, die ebenso wie viele Vogelarten vor allem der majestätisch schöne Rotmilan, der Schwarzmilan und die Waldschnepfe durch Bau und Betrieb von Windkraftanlagen in ihrem Bestand massiv bedroht sind.

Alle Pflanzen und Tiere bilden eine große Lebensgemeinschaft in einem ökologisch ganz wichtigen, aber auch höchst sensiblen Zusammenwirken. Wie in einer Umweltverträglichkeitsstudie geschehen, kann man dieses System in viele Teile zerlegen und diese einzeln bewerten sowie die zu erwartenden Schädigungen benennen. Es ist jedoch unmöglich, dieses Puzzle danach wieder zusammenzusetzen, weil es dem Ausgangsökosystem in keiner Weise mehr zu entsprechen vermag.

Jeder, der erzählt, ich der Harthäuser Wald würde mich durch und mit dem Bau von 28 Windkraftanlagen nicht verändern, meinen bisherigen Charakter behalten oder sogar wie der Gutachter, ein Herr Beck aus Darmstadt, behauptet, ökologisch wertvoller werden, irrt!!

Jeder Bürger kann ermessen, dass allein die Zufuhr der riesigen Windräder, der für sie notwendige Fundament und Wegebau mit insgesamt rund 100 000 Tonnen Schotter und Beton, angeliefert von rund 13000 Lastkraftwagen, der anschließende Betrieb auch mit laufenden Wartungsfahrten und der gegenüber der heutigen Waldesruhe ständigen Lärmbelastung die Lebensgemeinschaft Harthäuser Wald unumkehrbar zerstört.

Planer, Betreiber, Behörden und Entscheider reden ja leider nicht mit mir, aber ich spüre deutlich, dass sie sich der Verantwortung mir, dem Harthäuser Wald gegenüber nicht bewusst sind. Sie wollen der über Jahrhunderte bewahrten nachhaltigen Generationengerechtigkeit gerade nicht gerecht werden!

Wie bitte will man etwas Gutes wie die Energiewende schaffen, wenn man dafür gleichzeitig mich als wertvolles Waldgebiet massiv stört, in Teilbereichen zerstört?

Im Blick auf den vorhergesagten Klimawandel wäre die uneingeschränkte Walderhaltung zwingend notwendig. Es ist widersinnig, den Wald, der selbst Klimaschutz darstellt, für den Klimaschutz roden zu wollen.

Der Klimawandel wird auch bei uns das Wetter extremer werden lassen: Heftigere Stürme werden den durch die Windräder an vielen Stellen aufgerissenen Wald fortlaufend schädigen.

Starkregen werden auf einen vielerorts betonierten Bodenschwamm treffen, der dadurch einen guten Teil seiner bisherigen Speicher- und Reinigungsfunktion verloren hat, zum Schaden des Grundwassers.

Hitzeperioden treffen auf einen Wald, dessen ausgleichende Klimawirkung stark geschädigt ist und die abendliche Frischluftzufuhr für Jagsttal und Kochertal wird ausbleiben.

Die zahlreichen geplanten Windkraftanlagen werden meinem so natur- und landschaftssensiblen Waldstandort nur schaden und auch das ökologische Gleichgewicht der ganzen Umgebung schädigen und damit alle Menschen treffen.

Deshalb rufe ich alle diese Menschen auf, mir zu helfen und deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass sie das geplante Vorhaben nicht wollen!

Die Energiewende wird ganz gewiss nicht scheitern, wenn der Harthäuser Wald ohne Windkraftanlagen bleiben darf, wie er ist.

 

- die Gedanken des Harthäuser Waldes wurden übermittelt von ForstDir. i.R. Michael Domay, der ihn wie kaum ein anderer kennt und versteht -